Pandemie
Der Gau ist unwahrscheinlich
Prof. Dr. Reinhard Kurth, Virologe und Robert Koch Fellow am Robert-Koch-Institut
über das Ausmaß der Schweingerippe, Risiken und Nebenwirkungen
der Impfung und schwerwiegende Kommunikationsfehler.
Herr Professor Kurth, seit Juni gilt die Pandemie-Warnstufe
6. Ist die höchste Alarmstufe noch gerechtfertigt?
Kurth: Die Warnstufe 6 der Pandemie-Planung der WHO gilt unverändert,
weil das Influenza-Virus H1N1 in mindestens zwei WHO-Regionen auftritt.
H1N1 ist pandemisch verbreitet. Nach Abflauen der gegenwärtigen Pandemie
sollten sich die Experten Gedanken machen, wie die Warnstufen neu zu definieren
sind. Die höchste Warnstufe 6 impliziert eine besondere Gefährlichkeit,
die für den gegenwärtig zirkulierenden H1N1-Stamm nicht gegeben
ist. Allerdings ist es zu Beginn einer Welle auch schwierig, die Gefährlichkeit
eines Erregers abschließend einzuschätzen, hinzukommt, dass
man die weitere Entwicklung eines neuen Virus auch nicht vorhersehen kann.
Könnte die Situation noch kippen und die Pandemie doch tödlicher
verlaufen als bisher?
Kurth: Unsere Erfahrungen mit Influenza-Pandemien in den letzten drei
Jahrhunderten ergeben, dass man nicht grundsätzlich ausschließen
kann, dass durch Mutation oder durch Rekombination bzw. Reassortierung
mit einem zweiten Influenzavirusstamm ein Influenzavirusstamm entstehen
könnte, der pathogener ist als der derzeit zirkulierende H1N1-Stamm.
Die meisten Influenzavirusstämme sind wenig lethal, dass heißt
die Sterberate bei Infizierten liegt sehr deutlich unter 1 % der Infizierten.
Eine Ausnahme stellt die Pandemie von 1918/1919 dar. Der damals zirkulierende
H1N1-Stamm besaß eine Lethalität von 2,5 % und war hoch kontiagiös.
Diese Ausnahmesituation kann man nicht ständig als zu erwartenden
GAU medial projezieren, wahrscheinlicher sind Verläufe wie bei den
Pandemien 1957 und 1968. Da jedoch Optimismus keine Vorsorge ersetzen
kann, sind im Nationalen Pandemieplan auch die Auswirkungen von Virusstämmen
berücksichtigt, die pathogener sind als das gegenwärtig zirkulierende
H1N1-Virus.
Ist die die Schweingrippe harmloser als angenommen?
Kurth: Die neue Grippe verläuft bisher mild und wird von Infizierten
häufig gar nicht wahrgenommen. Jedoch ist dieser H1N1 Stamm sehr
kontiagiös, so dass es in Einzelfällen, insbesondere bei Schwangeren
und bei chronisch kranken Menschen doch zu sehr schweren Verläufen
und bisher selten auch zu Todesfällen kommen kann.
In der südlichen Hemisphäre, etwa in Australien, hat das Neue
Influenzavirus A/H1N1 die saisonalen Grippe-Viren offenbar verdrängt.
Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Kurth: Es ist richtig, das Neue Influenzavirus A/H1N1 verdrängte
das alte A/H1N1. Die Verdrängung eines zirkulierenden Influenzavirusstammes
durch einen neuen Virusstamm gleichen Subtyps konnte im letzten Jahrhundert
mehrfach beobachtet werden. Diese Verdrängung findet offenbar dann
immer statt, wenn das neue Virus sich sehr gut vermehrt, sehr ansteckend
ist und – das ist am Wichtigsten – in der Bevölkerung
keine Herdimmunität besteht. Erst die fehlende Immunität in
der Bevölkerung erlaubt den weltweiten Erfolg eines Pandemievirus.
Positiv ist zu werten, dass es während der vergangen Wintersaison
auf der südlichen Erdhalbkugel zu keinen klinisch relevanten genetischen
Veränderungen des neuen Influenzavirus A/H1N1 kam, was andererseits
auf Dauer nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden kann.
Inwieweit berücksichtigen die Impfempfehlungen der
STIKO die Eigenschaften des neuen Grippevirus?
Kurth: Die Impfempfehlungen der STIKO orientieren sich an den Ausführungen
im Nationalen Pandemieplan, der unter anderem im Internet (www.rki.de)
für jedermann nachlesbar ist. Die Empfehlungen müssen die Besonderheiten
jeder Pandemie berücksichtigen. Die Variablen umfassen u. a. Morbidität
und Mortalität des Virus, die Definition von Risikogruppen sowie
soziale, ordnungspolitische und ökonomische Realitäten.
Derzeit sieht die Impfempfehlung keine Impfung von Kindern
vor, dabei verbreiten diese das Virus wie keine andere Altersgruppe. Sollte
man Kinder nicht doch impfen lassen?
Kurth: Historisch gesehen sind Kinder die quantitativ häufigsten
Überträger von Influenza-Infektionen. In epidemiologischer Hinsicht
ist ihre Impfung am wirkungsvollsten, weil Infektketten unterbrochen werden.
Andererseits ist die Symptomatik bei Kindern durchschnittlich weniger
ausgeprägt als bei älteren Menschen. Erfahrungsgemäß
sind in einer saisonalen Welle sehr alte Menschen besonders gefährdet
und deshalb normalerweise bevorzugt zu impfen.
Wer außer älteren Menschen sollte sich unbedingt
impfen lassen?
Für die derzeitige Pandemie hat die STIKO empfohlen, zunächst
bevorzugt das medizinische Personal zu impfen, damit im klinischen Bereich
die Arbeitsfähigkeit des Personals sichergestellt wird und die Patienten
nicht unnötig dem Infektionsrisiko ausgesetzt werden. Zur Aufrechterhaltung
der öffentlichen Ordnung besteht Konsens, dass der dafür verantwortliche
Personenkreis ebenfalls geimpft werden soll. Da Personen der Risikogruppen
besonders von der Impfung profitieren und erheblich zur Krankheitslast
hinsichtlich schwerer und tödlicher Verläufe beitragen, sieht
die STIKO auch deren Impfung als vordringlich an. Personen mit chronischen
Grundkrankheiten (z.B. der Atemwege) und Schwangere haben ein mehrfach
erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf gegenüber
Personen ohne derartige Risikofaktoren.
Ist denn überhaupt genügend Impfstoff da?
Der Hersteller von Pandemrix hat versprochen, bis Ende November neun Millionen
und bis Ende Dezember insgesamt zwanzig Millionen Dosen liefern zu können.
Ärgerlich wäre, wenn ein größerer Teil der bestellten
fünfzig Millionen Dosen erst ausgeliefert wird, wenn die Pandemiewelle
vorbei sein sollte.
Die Schlagzeilen um Nebenwirkungen der Impfung reißen
nicht ab. Wie gefährlich ist die Impfung wirklich?
Kurth: Gegenwärtig sind in Europa vier Impfstoffe zugelassen, die
sich durch ein hohes Maß an Wirksamkeit bei geringen Nebenwirkungen
auszeichnen. Nicht alle Impfstoffe sind in Deutschland erhältlich.
Allerdings ist die öffentliche Diskussion über Wirkung und Nebenwirkung
der Influenzaimpfstoffe seit vielen Wochen aus dem Ruder gelaufen, wofür
in erster Linie einige hochrangige Ärztefunktionäre und selbsternannte
Fernsehvirologen verantwortlich sind. Es ist durchaus beschämend,
wenn Kollegen, die es besser wissen müssten, mit bedeutungsschwerem
Gesicht von Interview und zu Interview eilen, um wechselweise über
unzulängliche Prüfung und Zulassungsverfahren, Quecksilber im
Impfstoff und schreckliche Wirkverstärker zu schwadronieren. Jeder
kann für sich selbst das Restrisiko bestimmen, aber in herausgehobenen
beruflichen Situationen muss man das Wohl der Allgemeinheit im Auge haben
und kann (siehe oben) Vorsorge nicht durch Optimismus ersetzen. Immer
nur von Panikmache und den Profitinteressen der Pharmaindustrie zu sprechen,
verfehlt das Thema.
Wurden Kommunikationsfehler gemacht?
Kurth: Man fragt sich nach dem Verantwortungsbewusstsein der betreffenden
Kollegen und möchte sich wünschen, wenn die von ihnen beklagte,
aber selbst herbeigeführte Impfhysterie wieder vorbei ist, dass es
zu einer Aufarbeitung der Kommunikationsfehler kommt. Auch die Kommunikation
der staatlichen Stellen in einem föderalen Land, in dem die Durchführung
der Impfung den Ländern und Kommunen überlassen bleiben muss,
gibt Anlass zu Nachdenklichkeit. Die Kakophonie der Stimmen verursacht
Verwirrung, vertrauenswürdige Aussagen müssen in unserer Mediengesellschaft
an Personen festgemacht werden können.
Können Sie noch einmal Eckdaten zu den Impfstoffen
zusammenfassen?
Kurth: Die Impfstoffe sind Totimpfstoffe und werden seit ca. 40 Jahren
weitgehend gleichartig hergestellt. Die Impfviren werden entweder auf
bebrüteten Hühnereiern oder in Zellkulturen vermehrt und dann
inaktiviert. Seit vielen Jahren ist die Testung der Impfstoffe unter Zeitdruck
an Freiwilligen durch die Zulassungsbehörden international im Konsens
geregelt. Zur Vermeidung bakterieller Verunreinigungen werden größeren
Gebinden des Impfstoffs Thiomersal zugesetzt. In der Vergangenheit wurden
Thiomersal-haltige Impfstoffe millionenfach ohne Nebenwirkungen (eine
Quecksilber-Allergie ist sehr selten) verimpft. Die verimpfte Menge einer
wenig toxischen Quecksilberverbindung entspricht in etwa derjenigen, die
man mit einer größeren Fischmahlzeit zu sich nimmt.
Warum enthält der neue Impfstoff Adjuvantien?
Kurth: Die neuartigen Adjuvantien wurden nicht zuletzt auf Wunsch der
europäischen und amerikanischen Zulassungsbehörden von den Impfstoffherstellern
eingesetzt. Sie verstärken die Wirksamkeit der Impfstoffe, sodass
möglicherweise nur eine einzige Impfung gegen das Neue H1N1-Virus
zu schützen vermag. Squalen ist eine Substanz, die sowohl in tierischen
als auch in pflanzlichen Ölen vorkommt, z.B. in Olivenöl. Squalen
wird vom Darm sehr gut resorbiert, gelangt in die Blutbahn, kann dort
auch nachgewiesen werden und ist essentieller Bestandteil von Zellwänden.
Squalen ist auch ein Zwischenprodukt im Cholesterin-Stoffwechsel.
Interview: Beatrice Hamberger
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