Beatrice Hamberger | Diplom-Kommunikationswirtin | Redaktionsbüro für Medizinkommunikation
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Interview

Berlin Medical 6 / Dezember 2009

 

Pandemie

Der Gau ist unwahrscheinlich

Prof. Dr. Reinhard Kurth, Virologe und Robert Koch Fellow am Robert-Koch-Institut über das Ausmaß der Schweingerippe, Risiken und Nebenwirkungen der Impfung und schwerwiegende Kommunikationsfehler.

Herr Professor Kurth, seit Juni gilt die Pandemie-Warnstufe 6. Ist die höchste Alarmstufe noch gerechtfertigt?

Kurth: Die Warnstufe 6 der Pandemie-Planung der WHO gilt unverändert, weil das Influenza-Virus H1N1 in mindestens zwei WHO-Regionen auftritt. H1N1 ist pandemisch verbreitet. Nach Abflauen der gegenwärtigen Pandemie sollten sich die Experten Gedanken machen, wie die Warnstufen neu zu definieren sind. Die höchste Warnstufe 6 impliziert eine besondere Gefährlichkeit, die für den gegenwärtig zirkulierenden H1N1-Stamm nicht gegeben ist. Allerdings ist es zu Beginn einer Welle auch schwierig, die Gefährlichkeit eines Erregers abschließend einzuschätzen, hinzukommt, dass man die weitere Entwicklung eines neuen Virus auch nicht vorhersehen kann.

Könnte die Situation noch kippen und die Pandemie doch tödlicher verlaufen als bisher?

Kurth: Unsere Erfahrungen mit Influenza-Pandemien in den letzten drei Jahrhunderten ergeben, dass man nicht grundsätzlich ausschließen kann, dass durch Mutation oder durch Rekombination bzw. Reassortierung mit einem zweiten Influenzavirusstamm ein Influenzavirusstamm entstehen könnte, der pathogener ist als der derzeit zirkulierende H1N1-Stamm. Die meisten Influenzavirusstämme sind wenig lethal, dass heißt die Sterberate bei Infizierten liegt sehr deutlich unter 1 % der Infizierten. Eine Ausnahme stellt die Pandemie von 1918/1919 dar. Der damals zirkulierende H1N1-Stamm besaß eine Lethalität von 2,5 % und war hoch kontiagiös. Diese Ausnahmesituation kann man nicht ständig als zu erwartenden GAU medial projezieren, wahrscheinlicher sind Verläufe wie bei den Pandemien 1957 und 1968. Da jedoch Optimismus keine Vorsorge ersetzen kann, sind im Nationalen Pandemieplan auch die Auswirkungen von Virusstämmen berücksichtigt, die pathogener sind als das gegenwärtig zirkulierende H1N1-Virus.

Ist die die Schweingrippe harmloser als angenommen?

Kurth: Die neue Grippe verläuft bisher mild und wird von Infizierten häufig gar nicht wahrgenommen. Jedoch ist dieser H1N1 Stamm sehr kontiagiös, so dass es in Einzelfällen, insbesondere bei Schwangeren und bei chronisch kranken Menschen doch zu sehr schweren Verläufen und bisher selten auch zu Todesfällen kommen kann.
In der südlichen Hemisphäre, etwa in Australien, hat das Neue Influenzavirus A/H1N1 die saisonalen Grippe-Viren offenbar verdrängt. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Kurth: Es ist richtig, das Neue Influenzavirus A/H1N1 verdrängte das alte A/H1N1. Die Verdrängung eines zirkulierenden Influenzavirusstammes durch einen neuen Virusstamm gleichen Subtyps konnte im letzten Jahrhundert mehrfach beobachtet werden. Diese Verdrängung findet offenbar dann immer statt, wenn das neue Virus sich sehr gut vermehrt, sehr ansteckend ist und – das ist am Wichtigsten – in der Bevölkerung keine Herdimmunität besteht. Erst die fehlende Immunität in der Bevölkerung erlaubt den weltweiten Erfolg eines Pandemievirus. Positiv ist zu werten, dass es während der vergangen Wintersaison auf der südlichen Erdhalbkugel zu keinen klinisch relevanten genetischen Veränderungen des neuen Influenzavirus A/H1N1 kam, was andererseits auf Dauer nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden kann.

Inwieweit berücksichtigen die Impfempfehlungen der STIKO die Eigenschaften des neuen Grippevirus?

Kurth: Die Impfempfehlungen der STIKO orientieren sich an den Ausführungen im Nationalen Pandemieplan, der unter anderem im Internet (www.rki.de) für jedermann nachlesbar ist. Die Empfehlungen müssen die Besonderheiten jeder Pandemie berücksichtigen. Die Variablen umfassen u. a. Morbidität und Mortalität des Virus, die Definition von Risikogruppen sowie soziale, ordnungspolitische und ökonomische Realitäten.

Derzeit sieht die Impfempfehlung keine Impfung von Kindern vor, dabei verbreiten diese das Virus wie keine andere Altersgruppe. Sollte man Kinder nicht doch impfen lassen?

Kurth: Historisch gesehen sind Kinder die quantitativ häufigsten Überträger von Influenza-Infektionen. In epidemiologischer Hinsicht ist ihre Impfung am wirkungsvollsten, weil Infektketten unterbrochen werden. Andererseits ist die Symptomatik bei Kindern durchschnittlich weniger ausgeprägt als bei älteren Menschen. Erfahrungsgemäß sind in einer saisonalen Welle sehr alte Menschen besonders gefährdet und deshalb normalerweise bevorzugt zu impfen.

Wer außer älteren Menschen sollte sich unbedingt impfen lassen?

Für die derzeitige Pandemie hat die STIKO empfohlen, zunächst bevorzugt das medizinische Personal zu impfen, damit im klinischen Bereich die Arbeitsfähigkeit des Personals sichergestellt wird und die Patienten nicht unnötig dem Infektionsrisiko ausgesetzt werden. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung besteht Konsens, dass der dafür verantwortliche Personenkreis ebenfalls geimpft werden soll. Da Personen der Risikogruppen besonders von der Impfung profitieren und erheblich zur Krankheitslast hinsichtlich schwerer und tödlicher Verläufe beitragen, sieht die STIKO auch deren Impfung als vordringlich an. Personen mit chronischen Grundkrankheiten (z.B. der Atemwege) und Schwangere haben ein mehrfach erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf gegenüber Personen ohne derartige Risikofaktoren.
Ist denn überhaupt genügend Impfstoff da?
Der Hersteller von Pandemrix hat versprochen, bis Ende November neun Millionen und bis Ende Dezember insgesamt zwanzig Millionen Dosen liefern zu können. Ärgerlich wäre, wenn ein größerer Teil der bestellten fünfzig Millionen Dosen erst ausgeliefert wird, wenn die Pandemiewelle vorbei sein sollte.

Die Schlagzeilen um Nebenwirkungen der Impfung reißen nicht ab. Wie gefährlich ist die Impfung wirklich?

Kurth: Gegenwärtig sind in Europa vier Impfstoffe zugelassen, die sich durch ein hohes Maß an Wirksamkeit bei geringen Nebenwirkungen auszeichnen. Nicht alle Impfstoffe sind in Deutschland erhältlich. Allerdings ist die öffentliche Diskussion über Wirkung und Nebenwirkung der Influenzaimpfstoffe seit vielen Wochen aus dem Ruder gelaufen, wofür in erster Linie einige hochrangige Ärztefunktionäre und selbsternannte Fernsehvirologen verantwortlich sind. Es ist durchaus beschämend, wenn Kollegen, die es besser wissen müssten, mit bedeutungsschwerem Gesicht von Interview und zu Interview eilen, um wechselweise über unzulängliche Prüfung und Zulassungsverfahren, Quecksilber im Impfstoff und schreckliche Wirkverstärker zu schwadronieren. Jeder kann für sich selbst das Restrisiko bestimmen, aber in herausgehobenen beruflichen Situationen muss man das Wohl der Allgemeinheit im Auge haben und kann (siehe oben) Vorsorge nicht durch Optimismus ersetzen. Immer nur von Panikmache und den Profitinteressen der Pharmaindustrie zu sprechen, verfehlt das Thema.

Wurden Kommunikationsfehler gemacht?

Kurth: Man fragt sich nach dem Verantwortungsbewusstsein der betreffenden Kollegen und möchte sich wünschen, wenn die von ihnen beklagte, aber selbst herbeigeführte Impfhysterie wieder vorbei ist, dass es zu einer Aufarbeitung der Kommunikationsfehler kommt. Auch die Kommunikation der staatlichen Stellen in einem föderalen Land, in dem die Durchführung der Impfung den Ländern und Kommunen überlassen bleiben muss, gibt Anlass zu Nachdenklichkeit. Die Kakophonie der Stimmen verursacht Verwirrung, vertrauenswürdige Aussagen müssen in unserer Mediengesellschaft an Personen festgemacht werden können.

Können Sie noch einmal Eckdaten zu den Impfstoffen zusammenfassen?

Kurth: Die Impfstoffe sind Totimpfstoffe und werden seit ca. 40 Jahren weitgehend gleichartig hergestellt. Die Impfviren werden entweder auf bebrüteten Hühnereiern oder in Zellkulturen vermehrt und dann inaktiviert. Seit vielen Jahren ist die Testung der Impfstoffe unter Zeitdruck an Freiwilligen durch die Zulassungsbehörden international im Konsens geregelt. Zur Vermeidung bakterieller Verunreinigungen werden größeren Gebinden des Impfstoffs Thiomersal zugesetzt. In der Vergangenheit wurden Thiomersal-haltige Impfstoffe millionenfach ohne Nebenwirkungen (eine Quecksilber-Allergie ist sehr selten) verimpft. Die verimpfte Menge einer wenig toxischen Quecksilberverbindung entspricht in etwa derjenigen, die man mit einer größeren Fischmahlzeit zu sich nimmt.

Warum enthält der neue Impfstoff Adjuvantien?

Kurth: Die neuartigen Adjuvantien wurden nicht zuletzt auf Wunsch der europäischen und amerikanischen Zulassungsbehörden von den Impfstoffherstellern eingesetzt. Sie verstärken die Wirksamkeit der Impfstoffe, sodass möglicherweise nur eine einzige Impfung gegen das Neue H1N1-Virus zu schützen vermag. Squalen ist eine Substanz, die sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Ölen vorkommt, z.B. in Olivenöl. Squalen wird vom Darm sehr gut resorbiert, gelangt in die Blutbahn, kann dort auch nachgewiesen werden und ist essentieller Bestandteil von Zellwänden. Squalen ist auch ein Zwischenprodukt im Cholesterin-Stoffwechsel.

Interview: Beatrice Hamberger