| Editorial
Berlin Medical 6 / Dezember 2009
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Infektionskrankheiten sind keine Kinderkrankheiten
Das 2. Nationale Innovationsforum Medizin hatte eine Botschaft. Infektionskrankheiten
haben wie keine andere Erkrankung das Potenzial, unsere Zivilisation aus
den Angeln zu heben. Oder andersherum gesagt: Wer kann sich ernsthaft
ein Leben ohne Hygiene, Impfungen und Antibiotika vorstellen? Genau diese
Errungenschaften der Zivilisation haben wesentlich dazu beigetragen, dass
wir heute doppelt so alt werden wie unsere Vorfahren vor 150 Jahren. Und
das bei prinzipiell guter Gesundheit.
Dieser Luxus ist heute eine Selbstverständlichkeit. Er sorgt auch
für wirtschaftlichen Wohlstand, zumindest in unseren Breitengraden.
In anderen Teilen der Welt ist das nicht so. Da raffen Malaria, Durchfallerkrankungen
und sogar Masern Millionen Menschen dahin, viele davon sind noch Kinder.
Dass es heute in Deutschland Eltern gibt, die Impfungen gegen „harmlose
Kinderkrankheiten“ kategorisch ablehnen, wäre ja nicht weiter
schlimm. Aber dummerweise gefährden sie dadurch nicht nur ihre eigenen
Kinder, sondern andere obendrein, wie die Masernausbrüche in Deutschland
zeigen. Dennoch kommen die meisten Ungeimpften unbeschadet davon. Weil
nämlich die anderen um sie herum geimpft sind. Wäre das nicht
so, dann würde zum Beispiel der Würgeengel Diphterie bald wieder
an deutschen Kinderbetten stehen. Kaum vorstellbar dieser Gedanke.
Wir sind verwöhnt. Die Frage ist nur, wie lange noch. Beim jüngsten
Grippeausbruch haben wir gerade noch mal Schwein gehabt. Das neue A H1N1
Virus ist weniger gefährlich als befürchtet. AIDS trifft sowieso
nur die anderen und SARS fand irgendwo im fernen Asien statt.
So einfach ist das aber nicht. Erstens ist Asien gar nicht so weit weg
und zweitens haben wir eigene Baustellen im Land. Eine davon heißt
Antibiotika-Resistenzen und die rückt das Problem schon beträchtlich
näher. Etwa so: Stell Dir vor, Du hast eine Lungenentzündung
und kein Antibiotikum wirkt! Da ist es wenig beruhigend zu hören,
dass es kaum neue Substanzen gibt, die den resistenten Erregern Paroli
bieten können. Bleibt nur Beten oder der Trost, dass es Leute geben
soll, die Lungenentzündungen auch ohne Antibiotika überstehen.
Hoffentlich gehören wir mal zu dieser Spezies, wenn es so weit ist.
Ehrlich gesagt, ein Antibiotikum wäre mir lieber. Oder noch besser
eine Impfung, dann bricht so eine lästige Infektionskrankheit gar
nicht erst aus. Leider liegt weder das eine noch das andere hübsch
verpackt unterm Weihnachtsbaum. Bevor ein neues Medikament zugelassen
wird, müssen viele kluge Köpfe viele Jahre forschen und viele
Millionen Euro investieren.
Ach ja, der Kongress hatte noch eine Botschaft. Wenn wir an unserer Zivilisation
festhalten wollen, dann müssen wir der Infektionsmedizin und -forschung
mehr Beachtung schenken. Auch finanziell. Sonst könnte uns das Sparen
am falschen Ende bald teuer zu stehen kommen.
Beatrice Hamberger
Redaktionsleiterin Berlin Medical
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